Nach dem Ende der Franco-Diktatur erlebte Spanien eine gesellschaftliche Aufbruchsstimmung, in deren Folge das Land viele Drogen- und Aidstote zu beklagen hatte. In ihrem autobiografisch gefärbten Spielfilm „RomerÃa“ erinnert die Regisseurin Carla Simón an diese tabuisierten Krisenjahre.
Die 17-jährige Marina hat ihre Eltern nie richtig kennengelernt; der Vater starb bereits vor ihrer Geburt und die Mutter, als sie noch ein kleines Kind war. Im Jahr 2004 macht sich Marina auf den Weg nach Galizien, um erstmals die Familie ihres Vaters Alfonso zu treffen. Der Anlass ist pragmatisch: Für ein Stipendium an einer Filmhochschule benötigt sie dessen Sterbeurkunde. Das, so denkt Marina (Llúcia Garcia), dürfte doch kein Problem sein. Doch dann muss sie feststellen, dass sie in den offiziellen Unterlagen gar nicht als Tochter genannt ist. Sie gerät nun unweigerlich in die Situation, ihre Familiengeschichte aufzuarbeiten.
Leicht machen es ihr die vielen neuen Onkel, Tanten, Neffen und Nichten nicht. Von den skeptischen Großeltern abgesehen wird sie von ihrem weitverzweigten Familienclan jedoch herzlich aufgenommen. Immer wieder bekommt sie zu hören, wie sehr sie ihrer Mutter aus dem Gesicht geschnitten sei. Sie wird geradezu überschüttet mit Geschichten und bruchstückhaften Erinnerungen an ihre Mutter und ihren verstorbenen Vater. Mit gesundem Misstrauen, verbunden mit sanfter Neugier auf diese quirlige Großbürgerfamilie, gelingt es Marina, sich weder vereinnahmen noch abkanzeln zu lassen.
Denn so manches Berichtete deckt sich überhaupt nicht mit dem, was ihr bisher über Alfonso erzählt worden war, selbst grundlegende Fakten wie sein Todesjahr. Jetzt erfährt sie, dass er erst Jahre nach ihrer Geburt gestorben ist. Vieles, das sie von ihren Eltern zu wissen glaubte, entpuppt sich als Notlüge, Realitätsverweigerung oder der dreiste Versuch, die Wahrheit zu vertuschen. Ihr Cousin glaubt zu wissen, dass Alfonso, abgeschirmt von Freund*innen und Familienangehörigen, in einem Zimmer eingesperrt gestorben sei: „Du musst dir das so vorstellen: Großmutter betrat den Raum nur mit Maske und Handschuhen.“ Niemand habe ihn besuchen dürfen, damit sich sein Zustand nicht in der Stadt herumsprach. Und auch über Marina selbst scheinen seltsame Dinge zu kursieren. Zwei Kinder plaudern aus, dass man ihnen eingeschärft habe, sich Marina nicht zu sehr zu nähern: Mit ihrem Blut sei etwas nicht in Ordnung.
„Es war eine glückliche Periode, aber auch eine, in der in einigen Regionen des Landes Drogen überhandnahmen. Damit ging eine schnelle Verbreitung von HIV einher.“
Carla Simón
Wie schon in ihrem Vorgängerfilm, dem Berlinale-Gewinner „Alcarrà s – Die letzte Ernte“, hat Carla Simón ein feines Gespür dafür, Familiendynamiken präzise und fast beiläufig offenzulegen und emotionale Zwischentöne zu gestalten. Erzählerisch knüpft die spanische Regisseurin und Drehbuchautorin mit „RomerÃa“ an ihren Erstlingsfilm „Fridas Sommer“ an: Dort kommt ein kleines Mädchen nach dem Tod ihrer Eltern bei der Verwandtschaft auf dem Lande unter. Dass sie drogenabhängig waren und an den Folgen von Aids starben, ist dem Kind nicht bewusst.
In „RomerÃa“ – das spanische Wort bedeutet Pilgerfahrt – steht nun eine Jugendliche im Zentrum, die durch ihr beharrliches Nachfragen vom Schicksal ihrer Eltern erfährt: von deren Drogenabhängigkeit und Aids-Erkrankung Ende der 1980er Jahre.
Carla Simón greift in diesen Filmen auf ihre eigene Lebensgeschichte zurück. Auch ihre Eltern gehörten zu jener Generation, die in den achtziger Jahren nach dem Ende der Franco-Diktatur neue Lebensmodelle ausprobierten und im Zuge der gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruchsstimmung die neugewonnene Freiheit auskosteten. Dazu gehörte auch der Drogenkonsum. „Es war eine glückliche Periode, aber auch eine, in der in einigen Regionen des Landes Drogen überhandnahmen. Damit ging eine schnelle Verbreitung von HIV einher“, erklärt Carla Simón in einem Interview mit der taz. Doch obwohl so viele Menschen in Spanien in dieser Zeit an den Folgen von Aids starben, sei das Thema weiterhin tabuisiert. Mit ihrem Film möchte sie daher erreichen, dass mehr über diese Generation gesprochen wird. „Auch, weil sie diejenigen waren, die mit gestrigen Wertvorstellungen brachen, mit streng konservativen und erzkatholischen Überzeugungen, die nach der Diktatur noch sehr präsent waren.“
© Piffl Medien, Mario Llorca
Aus dem, was Marina aus den Gesprächen über ihre Eltern erfährt, imaginiert sie Szenen aus deren jungem, wildem, exzesshaftem Leben. Zwar sind es keine eigenen Erinnerungen – denn sie war ja nicht dabei –, aber so könnte es vielleicht gewesen sein. Es ist ihr Weg, mit dem Verlust und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit umzugehen und diese Leerstelle in ihrer Biografie zu füllen. Die Rückblenden, in denen wir die Eltern im Film kennenlernen, sind nichts anderes als Imaginationen – Marina und deren Mutter werden immerhin von der derselben Schauspielerin verkörpert.
Drastische Bilder fügen sich in Carla Simóns präzise montierten Patchwork aus Spielszenen, Archivmaterial und stimmungsvollen Motiven der iberischen Atlantikküste zu einem poetisch-melancholischen Gesamtbild.
Um das große Sterben in jener Zeit zu visualisieren, lässt Simón die Besucher*innen eines Clubs zu dem spanischen 80er-Jahre-Hit „Bailaré sobre tu tumba“ (zu Deutsch: „Ich werde auf deinem Grab tanzen“) streng choreografiert bewegen. Nach und nach erstarren Tänzer*innen und werden mit einem Leichentuch verhüllt. Auch solch drastische Bilder fügen sich in Carla Simóns präzise montierten Patchwork aus Spielszenen, Archivmaterial und stimmungsvollen Motiven der iberischen Atlantikküste zu einem poetisch-melancholischen Gesamtbild. Am Ende wird Marina ihren Eltern zum ersten Mal wirklich nahegekommen sein. Vor allem aber hat sie das jahrelange Verschweigen durchbrochen und der aus der gesellschaftlichen Ächtung befeuerten Scham, die ihre Großeltern für Alfonsos Aidstod immer noch empfanden, ein Ende bereitet.
„RomerÃa – Das Tagebuch meiner Mutter“, Spanien 2025. Regie Carla Simón, mit Llúcia Garcia, Tristán Ulloa, Tristán Ulloa, Sara Casasnovas. 115 Min., OmU.
Vorführungen von „RomerÃa“ mit anschließenden Gesprächen
- Karlsruhe, 9.4., 18.15 Uhr, Schauburg, in Kooperation mit dem Zentrum für sexuelle Gesundheit, Identität und Aufklärung Karlsruhe (ZeSIA)
- Nürnberg: 9.4., 20.15 Uhr, Filmhaus. Filmgespräch im Anschluss mit Beate Lischka, Sozialpädagogin der AIDS-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth e. V.
- Soest: 7.5., 20 Uhr, Kulturhaus Alter Schlachthof, in Kooperation mit der Aidshilfe im Kreis Soest e.V.

