Martina H. fing als Teenager an, Heroin zu konsumieren. Später hat sie dann die Selbstorganisation JES Berlin mitbegründet. Im Interview mit magazin.hiv erzählt sie ihre Geschichte.
Martina, du hast angefangen, Heroin zu konsumieren, ungefähr als das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ über Christiane Felscherinow erschien, oder?
Ja, Anfang der 80er [„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erschien 1978, Anm. d. Red.]. Das Buch habe ich in der 9. Klasse gelesen. Das weiß ich noch wie heute, wie ich es unter dem Schultisch verschlungen habe. Es hat mich wirklich inspiriert.
Was daran?
Das Berliner Nachtleben zum Beispiel. Ich wuchs in einer bürgerlichen Kleinstadt auf, zusammen mit meiner jüngeren Schwester, Großeltern, Tanten und Cousins. Ich war ein Opakind. Samstags putzten alle Männer ihre Autos und die Frauen fegten die Bürgersteige oder arbeiteten im Garten. Alle taten dasselbe, und wenn jemand mal nicht sichtbar war, fragte man besorgt: „Alles in Ordnung bei euch? Ist jemand krank?“ Das war nichts für mich. Ich dachte mir immer, ich erwarte irgendwie mehr vom Leben.
Dann las ich das Buch – und war begeistert. Es war so toll beschrieben, was diese jungen Menschen alles erlebten. Das hat mich völlig angefixt, das wollte ich auch haben. Einen Teil davon in unserer Kleinstadt zu finden, war dann gar nicht mehr so weit. Bei uns gab es einen Club, eine Diskothek, wie wir damals sagten. Und auch wenn man noch keine 16 Jahre alt war, so wie meine Freundinnen und ich, war es sehr einfach, reinzukommen.
Und da gab es dann gleich alles? Auch Sachen zum Spritzen?
Nicht alles, was es heute gibt, aber genau, auch zum Spritzen. Der Kontakt war sehr schnell hergestellt. Wenn du einmal da warst, dann hattest du Christiane F. gleich ganz nah.
Das Buch beschreibt auch deutlich die negativen Erlebnisse, die mit ihrem Heroinkonsum einhergingen. Warum war das nicht abschreckend?
Der Reiz und die Versuchung waren einfach größer. Die paar negativen Zeilen, die kamen mir unbedeutend vor. Das andere hat überwogen, es war viel mächtiger.
Wie ging es weiter, nachdem du als Teenager angefangen hast, Heroin zu konsumieren? Hast du die Schule abgeschlossen?
Ja. Ich habe mit 16 eine einjährige Ausbildung als Bekleidungsnäherin in einer Hosenfabrik gemacht und danach in einer Polstermöbel-Fabrik gearbeitet. Mit 18 war ich aber nicht mehr imstande, täglich zur Arbeit zu gehen. Anfangs war ich mehr auf Speed unterwegs und konnte damit sehr gut und schnell nähen. Wenn der Chef freitags fragte „Wer kommt Samstag zur Arbeit?“ war ich immer dabei, weil ich sowieso die Nacht durchgemacht habe.
„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ hat mich wirklich inspiriert.“
Aber als ich dann stark auf Heroin war, ging das nicht mehr. Mein Chef kam sogar zu meiner Mutter und fragte, was denn mit dem Mädchen los sei, „sie war doch immer so fleißig“. So ging es abwärts und bald bin ich dann zum ersten Mal beim Klauen erwischt worden. Da kippte langsam auch zu Hause alles.
Dein mehrjähriger Konsum war bis dahin also nicht aufgefallen?
Nein, die ersten ein, zwei Jahre nicht. Als es rauskam, ist meine Mutter zur Drogenberatung gegangen, um sich Hilfe holen. Die Hilfe der Drogenberatung bestand jedoch darin zu sagen: „Entweder das Kind will jetzt zur Therapie gehen oder du musst es vor der Tür setzen.“ Sozusagen mit der Pistole auf der Brust hat man mir diese beiden Möglichkeiten gegeben, also habe ich mich mit 18 zu meiner ersten Therapie breitschlagen lassen. Ich war zu dem Zeitpunkt auch wegen Diebstählen vor Gericht und durch die Therapie bekam ich eine Bewährungsstrafe statt Haft[1].
Nach drei Monaten habe ich die Therapie aber abgebrochen, der Haftbefehl ging raus und ich kam das erste Mal ins Gefängnis.
Du warst als Teenager heroinabhängig und hast Haftstrafen erhalten?
Ja, mit gerade mal 18 Jahren. Die Strafen waren erst für kleine Ladendiebstähle, dann Autoradios, Lederjacken und so weiter. Man hatte seine Kundschaft. Mit den Diebstählen habe ich das finanziert, was hätte ich anderes machen sollen. Heroin war damals richtig teuer, zwischen 300 und 500 DM pro Gramm. Beim ersten Mal Knast waren es nur drei Monate Jugendstrafe. Beim zweiten Mal acht Monate und beim dritten Mal war ich dann etwas über ein Jahr drinnen. Es waren schnelle Wechsel zwischen Therapien und Knast.
Meine Eltern hatten mir zwischendurch meinen Hausschlüssel abgenommen. Zu Hause kam ich nur noch rein, wenn sie auch da waren, weil auch Freund*innen von mir bei meinen Eltern lange Finger gemacht haben – Papas Lederjacke, Geld aus der Keramikdose und so weiter. Ich habe daraufhin bei drei Kumpels gewohnt, war viel draußen und bin nach Holland geflüchtet. Auch mit dem Schmuggeln von Drogen von Holland nach Deutschland konnte ich meine Sucht finanzieren. Das ging immer bis zum nächsten Therapie- oder Haftantritt gut.
Für deine dritte Inhaftierung hat auch deine Familie eine wichtige Rolle gespielt, richtig? Wie lief das ab?
In Deutschland lief wieder ein Haftbefehl gegen mich. An Weihnachten hatte ich mit meinen Eltern telefoniert. Ich hatte Heimweh. Sie haben sich auf den Weg gemacht, um mich abzuholen und im Auto versteckt über die Grenze zu bringen, damit wir Weihnachten zusammen zu Hause verbringen können. Es war abgesprochen, dass sie mich danach wieder zurück nach Holland bringen.
Ich habe ihnen gesagt, wo ich bin, und dann sind mein Vater, meine Mutter und mein Schwager losgefahren. Ich war bei meinem Dealer untergekommen und er hatte mir für die Tage auch noch was mitgegeben, damit ich nicht in den Entzug komme. Damals waren die Grenzen noch besetzt und es war also ein heikles Spiel, mich rüberzuholen. Ich habe mich unter dem Rücksitz unter einer Kapuze versteckt.
Ich weiß, dass meine Eltern mir nichts Böses wollten. Sie waren ja auch verzweifelt und wussten nicht, was sie machen sollten.
Am Ende der Fahrt ist mein Schwager aber nicht nach Hause abgebogen, sondern weiter geradeaus gefahren. Wahrscheinlich hätten sie es lieber gehabt, wenn die Polizei an der Grenze zugeschlagen hätte, aber da ist alles gut gegangen. Sie brachten mich zur Polizeistation, ich hab mich erfolglos gewehrt. Weihnachten habe ich dann also im Polizeigewahrsam verbracht, bis ich ein, zwei Tage später in den Frauenknast nach Köln gekommen bin.
Wie blickst du heute darauf?
Meine Eltern und besonders meine Mutter waren froh, dass sie wieder schlafen konnten. Ich weiß, dass meine Eltern mir nichts Böses wollten. Sie waren ja auch verzweifelt und wussten nicht, was sie machen sollten. Damals aber war ich völlig irritiert, sauer und vor den Kopf gestoßen. Wenn wir heute miteinander über diese alten Geschichten sprechen, ist es immer noch nicht einfach für uns. Meine Mutter fängt noch heute an zu weinen und dann ich …
Sie haben wirklich viel durchgemacht. Mein Vater war immer arbeiten und hat sich eher rausgehalten. Wenn ich in Therapie war und Elterngespräche anstanden, hat er sich sehr schwer damit getan. Meine Mutter war offener. Sie ist zum Elternkreis gegangen, der hauptsächlich aus Frauen bestand. Aus Müttern, die sich mit der Drogenberaterin einmal in der Woche im Stuhlkreis zusammengesetzt und ausgetauscht haben. Jede hat erzählt, was zu Hause vorgefallen ist. Es war die einzige Stütze, die meine Mutter hatte.
In dem Elternkreis gab es allerdings leider wenig andere Vorstellungen von Lösungswegen als das Vor-die-Tür-Setzen, Therapie und Knast. Man glaubte, man müsse erst einmal ganz unten ankommen, bevor Hilfe möglich sei. Ich hoffe, das ist in den Elternkreisen heute anders. Meine Mutter hat sogar einmal zu Hause einen Entzug mit mir durchgemacht und sich nicht von meiner Seite bewegt. Es ging mir dann aber so schlecht, dass sie den Hausarzt rufen musste. Er hat uns etwas zur Beruhigung dagelassen. Lange habe ich allerdings nicht ausgehalten.
Wie war es in Haft? Wie muss man sich das vorstellen?
Die ersten Tage sind wirklich sehr schlimm. Und wenn man zudem einen Entzug durchmacht, ist das eine ganz üble Zeit. Sie haben einem das Licht in der Zelle nie ausgemacht, weil man immer unter Beobachtung stand. Haben ständig durch den Spion geschaut, ob man sich selbst etwas antut. Man versucht, das Licht zum Schlafen irgendwie abzuhängen, und wenn sie es merken, bollern sie gegen die Tür, bis das Tuch die Lampe nicht mehr abdeckt.
Aber ich muss sagen, nachdem diese ersten Tage überstanden waren und der kalte Entzug vorbei war, ist es eigentlich eine recht coole Zeit gewesen. Nach zwei Wochen konnte man ohne Licht schlafen. Ich kann mich wirklich nicht beschweren.
Wenn ich in eine Situation komme, gucke ich sie mir an und für mich gibt es nicht nur Schwarz und Weiß. Ich versuche, aus allem irgendwie das Beste zu machen.
Ich habe alle drei Male, als ich im Knast war, super Jobs abgegriffen. Man lernt beim ersten Mal ziemlich schnell die Arbeitsbereiche kennen. Beim zweiten und dritten Mal weiß man schon, in welchen Bereichen man arbeiten will. Paletten auf dem Hubwagen mit neuer Ware zum Etikettieren und Verpacken durch die Gegend fahren, um die anderen Häftlinge mit Arbeit zu versorgen, war ein guter Job.
Hinterher war ich Hausarbeiterin, das heißt, du hast in Jugendhaft den ganzen Tag die Zelle offen und versorgst das Haus, in dem du auch selber liegst. Du bringst den anderen Essen, gehst also von Tür zu Tür und kriegst immer mit, wo gerade Besuch war, wo was läuft, wer breit ist und wer nicht. Mit dem Essenswagen kamst du auch in die Großküche im Männertrakt. Dort habe ich jemanden getroffen, den ich von draußen kannte. So kamen kleine Lieferungen unter den Tabletts zu uns ins Haus.
Ich hatte im Knast auch die erste Erfahrung mit einer Frau. Es waren also viele schöne Momente dabei.
Es hört sich so an, als ob du jemand bist, die sich, egal was im Leben passiert, an die Situation schnell anpasst, immer schnell Freund*innen findet und aus jeder Situation irgendwie etwas Schönes macht.
Ja, ich denke schon. Wenn ich in eine Situation komme, gucke ich sie mir an und für mich gibt es nicht nur Schwarz und Weiß. Ich versuche, aus allem irgendwie das Beste zu machen.
Aber muss man sich die Haft nicht auch frustrierend vorstellen?
Ja, ich war schon auch mal wütend, aber immer nur kurzzeitig. Zum Beispiel, als mein Opa gestorben ist und ich nicht zur Beerdigung rausgelassen wurde, obwohl es als „besonderer Grund“ eigentlich hätte ermöglicht werden können – aber nicht als BtM-Inhaftierte. Auch der Entzug war sehr schlimm, denn du hast keine Medikamente bekommen. Aber die anderen Zeiten haben überwogen.
Könnte man sagen, dass die Haft in deinem Fall sinnvoll war?
Nein, das hätte nicht sein müssen. Man hätte es anders regeln können und müssen. Für meine Eltern war es wiederum gut, weil sie dachten, dass mir im Knast nichts passieren würde.
Waren die auferlegten Therapien sinnvoll?
Die Therapien waren vergleichsweise hilfreich für mich, um über mein Suchtverhalten etwas zu lernen, aber auch überhaupt über mich. Das hast du ja im Knast nicht, im Knast bist du ja einfach nur weggesperrt und arbeitest, hörst Musik, isst und schläfst. Mehr machst du ja nicht und hast vielleicht ein bisschen Sex mit einer Frau und das war’s.
Aber mit viel Tränen und Wut in der Therapie, ob in Einzel- oder Gruppensitzungen, machst du schon einiges mit. Menschen da mit Auflage vom Gericht hinzuschicken, ist schon krass. Es muss gewollt sein, ansonsten funktioniert es nicht. Aber nicht nur für Süchtige, sondern auch für andere Menschen kann eine Therapieerfahrung gut sein. Es gibt leider immer noch genug Leute, die nie eine solche Erfahrung gemacht haben. Ich finde, man sollte es allen ein bisschen näherbringen, dass sie mal ausprobieren, an sich zu arbeiten. Aber eben nicht mit Strafen, es muss ihr Wille sein.
Wie denkst du generell über rechtliche Strafen bei Drogengebrauch?
Es ist einfach nicht nachvollziehbar, warum ich mir zwei Flaschen Korn am Abend reinziehen kann oder Whiskey und das anders betrachtet wird. Wenn ich das mehrere Wochen lang täglich mache, bin ich auch Alkoholikerin. Und das hat keine rechtlichen Folgen, aber wenn ich ein bisschen Heroin rauche oder zieh mir Koks rein, wie auch immer, werde ich eine Verbrecherin.
Alle gehen Risiken ein, ob im Straßenverkehr oder im Sport. Das würde man auch nicht verbieten.
Ich hoffe, dass sich irgendwann mal was ändern wird, um alles gleich zu behandeln. Entweder wer trinkt, wird ebenfalls bestraft. Oder andersrum, das wäre natürlich besser. Es ist doch mein Körper und nicht der des Staates. Ich bin der Meinung, es sollte allen frei überlassen werden, ob und was sie konsumieren möchten. Ich bin davon überzeugt, dass der Konsum zurückgehen wird. Der Reiz des Verbotenen wäre weg.
Aber Drogenkonsum ist mit Risiken verbunden, ist da Vermeiden nicht besser?
Alle gehen Risiken ein, ob im Straßenverkehr oder im Sport. Das würde man auch nicht verbieten. Man sollte die Angebote für Hilfen und Therapien ausbauen und mehr fördern und nicht wegen der Kosten noch mehr einsparen. Früher waren zwölf Monate Therapie mit sechs Monaten Nachsorge normal. Heute ist dies gekürzt auf drei bis sechs Monate und ohne Nachsorge. Uns hat man damals die Therapie wirklich noch ans Herz gelegt. Heute scheint das anders zu sein.
Die Therapie war schon sinnvoller für mich als der Knast, besonders die letzte, auch wenn ich die nicht ganz abgeschlossen habe. Die ersten beiden habe ich abgebrochen, aus der dritten wurde ich rausgeschmissen, weil ich schwanger wurde. Mit der Schwangerschaft kam dann für mich aber die Kehrtwende in meinem Leben und ich habe alles umgekrempelt.
Du hast deinen Ehemann dort kennengelernt und bist während der dritten Therapie schwanger geworden. Da gab bestimmt einige Vorurteile, oder?
Dass zwei Süchtige sich gegenseitig helfen können, das hätten unsere Therapeut*innen damals nie gedacht. Eine Beziehung dort in der Therapie, das gehe gar nicht, sagten sie. Das könne doch nicht funktionieren, wenn beide süchtig sind. Und jetzt kam noch ein Kind dazu, um Gottes willen.
Es hieß, man könne das in der Klinik nicht tragen. Man ließ uns die Therapie nicht zu Ende machen. Mein Mann, damals mein Partner, war zu dem Zeitpunkt elf Monate dort. Nach zwölf Monaten warst du fertig und gingst in die Nachsorge. Ich war acht Monate da. Aber das Argument war, ich würde jetzt von den anderen Patient*innen bevorzugt und das wäre nicht gut.
Inwiefern bevorzugt? Das verstehe ich nicht.
Zum Beispiel könne jemand aus der Gruppe mir beim Putzdienst Arbeit abnehmen wollen, weil ich ja schwanger war, und jemand anderes könne dann sagen: „Wenn sie die Aufgaben nicht mehr macht, dann mache ich sie auch nicht mehr.“ So dachte man damals. Und dann haben die uns echt rausgeschmissen.
Wir haben ihnen es dann aber gezeigt, dass sie falschlagen, und sind zwei bis drei Jahre zusammen mit dem Kind zu den Ehemaligen-Treffen gegangen, die in dieser Einrichtung stattfanden. Plötzlich waren alle ganz stolz auf dieses Kind, das dort bei ihnen gezeugt worden ist.
Wie alt warst du bei dem Rausschmiss und wie ging es dann für euch weiter?
Ich war 25. Wir sind dann nach Bonn gezogen und haben ein ganz neues Leben aufgebaut mit völlig fremden Leuten, mit völlig fremden Nachbar*innen, ohne Familie ums Eck. Zunächst sind wir bei einem Kumpel eingezogen, der zu seiner Freundin zog. Kurz danach haben wir ein Zimmer in einem Haus für Leute bekommen, die unter Bewährung standen oder aus dem Knast gekommen sind und obdachlos waren.
Unsere Eltern haben uns angeboten, nach Hause zu kommen, aber das wäre wirklich das Dümmste gewesen, was wir hätten machen können, wieder zurück in die alte Umgebung zu gehen.
Wir wollten neu anfangen und nicht zurück nach Hause. Deswegen hat uns die Bewährungshelferin in diesem Haus ein Zimmer besorgt. Das war nicht besonders schön, aber da konnten wir erst einmal unterkommen und Kontakt zu den Ämtern aufnehmen, um die Dringlichkeit für eine richtige Wohnung wegen der Schwangerschaft zu erklären. In dieser Unterkunft haben wir sogar noch geheiratet. Ja, das war schon auch krass, unsere Hochzeit im heruntergekommenen Haus, in diesem kleinen Zimmer mit Gemeinschaftsbad.
Waren eure Eltern bei der Hochzeit dabei?
Ja, die Eltern, Schwiegereltern, meine Schwester und Schwager, also die engste Familie. Wir waren beim Standesamt im Stadthaus und dann schön im Restaurant essen, was meine Eltern bezahlt haben. Aber in die Hütte haben wir sie danach nicht reingelassen. Die hätten die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, wenn sie gesehen hätten, wie wir da hausten. Allein schon im Flur, diese Dusche und Toilette, die alle mitbenutzen.
Aber sonst wären wir ja wirklich auf der Straße gewesen. Unsere Eltern haben uns angeboten, nach Hause zu kommen, aber das wäre wirklich das Dümmste gewesen, was wir hätten machen können, wieder zurück in die alte Umgebung zu gehen.
Dank der Hilfe meiner Schwiegermutter hat es dann auch schnell geklappt, eine eigene Wohnung zu bekommen. Sie hat damals an den Vorsitzenden vom Wohnungsamt geschrieben und unsere Geschichte erzählt, von der Therapie und dass wir jetzt versuchten, ein neues Leben zu starten. Man müsse doch den jungen Menschen helfen. Dieser Leiter vom Wohnungsamt hat uns dann eingeladen und uns versichert, dass er versuchen wird, uns ganz schnell zu helfen. Und es hat wirklich geklappt, dass wir im Oktober in unsere Wohnung gezogen sind. Im Dezember kam mein erster Sohn zur Welt.
Martina H. mit Mitte 20 in der ersten gemeinsamen Wohnung in Bonn
Damals hast du eine Substitutionstherapie angefangen. Wie lief das?
Das ging damals nur, weil ich schwanger war. Damals kam man nur in die Substitution, wenn man Aids hatte oder ähnlich schwer krank war, wenn man mindestens drei Therapien abgebrochen hatte oder eben schwanger war.
Anfang der 90er Jahre war es in der Substitution auch noch so, dass man das Ziel vorgegeben hatte, schnell clean zu werden. Die Leute mussten nach ein, zwei Jahren Substitution anfangen, runterzudosieren, sind dann aber wieder rückfällig geworden. Das ist auch mir passiert, aber mein Arzt hat mich, Gott sei Dank, schnell wieder aufgenommen. So konnte ich die Substitution fortsetzen, was wichtig war, weil ich ja derweil Mutter geworden war.
Die Krankenkassen hatten es inzwischen gecheckt, dass es mit dem Runterdosieren nicht funktioniert. Zusammen mit den Ärzt*innen konnte man dann bei den Krankenkassen einen Antrag auf Substitution auf Lebenszeit stellen, was auch für mich gelang. Heute ist die Länge einer Substitutionsbehandlung zum Glück kein Thema mehr.
Konntest du beruflich wieder einsteigen?
Ja, das lief für uns beide wunderbar. Mein Mann war sofort untergebracht in einem Kunststoffschlosserbetrieb. Und ich habe im Krankenhauskiosk einen Minijob gemacht. Nachdem man mich dort kennengelernt hatte, konnte ich hinterher in die Krankenhauskantine. Ein paar Jahre später kam der Sprung, wohl auch durch die Arbeit im Krankenhaus, zur Arbeit im Pflegeheim. Wir hatten wirklich eine gute Zeit in Bonn.
Vor allen Dingen habe ich da Claudia S. zufällig vor der Arztpraxis wiedergetroffen. Wir kannten uns noch aus unserer Heimat aus der Schulzeit. Es war ja damals keine Handyzeit, dass man sich mal eben connecten konnte. Nachdem wir zehn Jahre in Bonn gewohnt haben, sind wir ziemlich zeitgleich im Jahr 2001 nach Berlin gezogen.
Ihr habt zusammen JES Berlin gegründet und engagiert euch seither für die Rechte von Drogengebrauchenden und Substituierten. Kannst du davon erzählen?
Am Anfang standen Claudia und ich noch ganz alleine am Kotti [Anm. der Red.: Platz um den U-Bahnhof Kottbusser Tor, eine Gegend, in der sich unter anderem viele marginalisierte Drogengebrauchende treffen und verweilen] und haben darauf aufmerksam gemacht, dass wir auf der Suche nach Menschen sind, die sich anschließen möchten. Wir wollten die User*innen wissen lassen, dass es da jetzt eine Gruppe gab. Die Menschen, die wir aufgesucht haben, hatten ein Recht darauf, zu wissen, was ihnen zusteht, wie zum Beispiel die Behandlung von Hepatitis C. Ein anderes Hauptanliegen wurde die Aufklärung von Konsumierenden und Ärzt*innen über die Substitution.
Welche Irrtümer begegnen euch häufig?
Durch mein jahrelanges Engagement bei JES und auch in meinem Job bei Felix [ambulanter Spezialpflegedienst in Berlin, Anm. d. Red.], wo ich mit vielen suchtkranken Menschen zu tun hatte, ist mir immer wieder aufgefallen, dass die Substitution oftmals nicht gut läuft. Viele Ärzt*innen haben ihr persönliches Standardmedikament, auf das sie selber schwören, aber es ist nicht für jede*n das Richtige. Manche brauchen eben etwas anderes.
Liebe Ärzt*innen, traut euch, die richtige Dosis und den richtigen Wirkstoff gemeinsam mit den Patient*innen zu finden!
Ich glaube, die meisten Ärzt*innen müssten sich mehr Zeit nehmen, ein bisschen genauer hinhören und nicht direkt so rigoros sein. Es wird so schnell geurteilt und sanktioniert, wenn die Urinproben [zur Kontrolle von sog. „Beikonsum“, d. h. die Analyse über Abbaustoffe nichtverschriebener psychoaktiver Stoffe, Anm. d. Red.] positiv ausfallen, und Patient*innen haben viel Angst davor. Der Beikonsum kann an einer zu niedrigen Dosis oder einem nicht passenden Substitut liegen. Ein Medikamentenwechsel kann bedeuten, dass der Suchtdruck schnell weg ist.
Liebe Ärzt*innen, traut euch, die richtige Dosis und den richtigen Wirkstoff gemeinsam mit den Patient*innen zu finden! Als im Jahr 2015 Substitol [retardiertes und daher langwirksames Morphinsulfat, Anm. d. Red.] in Deutschland eingeführt wurde, waren nicht viele Ärzt*innen bereit, ihre Patient*innen umzustellen. Aber die, die es gemacht haben, haben schnell gemerkt, dass die damit Substituierten keinen Suchtdruck mehr hatten – oder, wenn überhaupt, nur ganz wenig.
Die Einführung von Substitol und auch von Diamorphin [medizinisch reines Heroin, zur Substitutionsbehandlung seit 2009 zugelassen, wenn auch mit relativ hohen Hürden, Anm. d. Red.] haben sehr dazu beigetragen, dass für viele Opiatabhängige das Mittel ihrer Wahl endlich verfügbar war. Tricksereien mit den Urinkontrollen waren endlich vorbei.
Für keine*n war es schön, mit den Ärzt*innen nicht offen über den Beikonsum sprechen zu können. Man hatte ständig die Sanktionen im Kopf, die automatisch folgten, wenn die Probe positiv war. Zum Beispiel wurde Take-Home [gut auf das Substitutionsmittel eingestellte Patient*innen können für bis zu sieben oder in begründeten Fällen bis zu 30 Tage Rezepte für eine eigenverantwortliche Einnahme beanspruchen, Anm. d. Red.] sofort gestrichen, selbst für die Berufstätigen. Der tagtägliche Weg zur Praxis macht das Leben sehr schwierig, zum Beispiel wenn man arbeitet.
Aber es gibt sie, die richtigen Medikamente und die richtige Dosis für alle, die sie brauchen! Bis auf die wenigen, die den Originalstoff Heroin bevorzugen.
Zum Schluss würde ich gerne noch kurz mit dir darüber sprechen, wie du Gesundheit, Krankheit und Sucht siehst. Wie fandest du es damals, 1983, die Sucht-Diagnose zu erhalten, als beim ersten Gerichtsverfahren der Therapiestatt-Strafe-Antrag gestellt wurde?
Als ich noch drauf war, habe ich solche Dinge überhaupt nicht wahrgenommen. Ich habe mich erst dann darüber geärgert, als ich gemerkt habe, dass die Diagnose seitdem auf jeder ärztlichen Überweisung steht: „Zustand nach Heroinabusus“ [Abusus ist der lateinische Begriff für „Missbrauch“, Anm. d. Red.]. Selbst wenn ich zum MRT muss, egal was. Es wird direkt klargemacht, dass ein Mensch mit Heroinabusus in die Praxis kommt. Damit man mir bloß kein Betäubungsmittel gibt. Es interessiert nicht, dass ich schon lange kein Heroin mehr angepackt habe. Der Hinweis bleibt einfach stehen.
Was ist in deinen Augen ein „gesundes Leben“?
Laufen zu können, zumindest einigermaßen fit zu sein, satt zu sein. Also im Grunde bin ich da ganz einfach gestrickt, ich habe da nicht so hohe Ansprüche, ich muss keine muskulösen Körperteile haben oder so. Ich muss mich bewegen können, ich muss aufs Klo gehen können.
Ich habe mich nie als chronisch kranker Mensch gefühlt. Nur ab und zu krank, wenn ich entzügig war.
Mit zunehmendem Alter kam die Frage nach Gesundheit für mich überhaupt erst auf. Als junger Mensch, kann ich sagen, habe ich mich damit überhaupt nicht beschäftigt. Gedanken mache ich mir erst über meine körperliche Gesundheit, seitdem ich angefangen habe, Schmerzen beim Gehen zu fühlen, die Spritzen vom Orthopäden irgendwann nicht mehr reichten und es eine Knie-OP brauchte.
Ist Sucht eine Krankheit?
Ja, na ja, irgendwie schon und irgendwie nicht. Es ist eine psychische Erkrankung oder eine psychische und körperliche Erkrankung. Es kommt bei jeder Person darauf an. Es ist schon gut, wenn Sucht als Krankheit betrachtet wird. Aber ich habe das Gefühl, dass Krankheit gleich so negativ verstanden wird.
Ich habe meine Jahre der Sucht wenig als negativ erlebt, muss ich ehrlich sagen. Eigentlich waren es gute Zeiten und ich bereue nichts. Ich habe mich nie als chronisch kranker Mensch gefühlt. Nur ab und zu krank, wenn ich entzügig war.
Bei Krankheit denkt man: Oh Gott, der arme Mensch hat da vor sich hin vegetiert. Aber ich habe viele schöne Jahre erlebt, obwohl ich ein süchtiger Mensch bin. Auch einfach mal los nach Spanien brettern und dort Zeit verbringen … Mein Leben war schön und kein Leben voller Krankheit. Ich habe wirklich viele schöne Zeiten erlebt.
[1] Anm. d. Red.: Bei einer Freiheitsstrafe von maximal zwei Jahren wegen einer Straftat, die auf eine diagnostizierte Abhängigkeit von illegalisierten Stoffen („Betäubungsmittelabhängigkeit“) zurückgeführt wird, kann ein Freiheitsentzug zurückgestellt werden, sofern sich die Person wegen dieser Abhängigkeit in einer staatlich anerkannten Einrichtung behandeln lässt (siehe § 35 Absatz 1 BtMG, https://www.gesetze-im-internet.de/btmg_1981/__35.html).
