Seit Australien im Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren eingeführt hat, wird auch in Deutschland hitzig diskutiert. Mehrere EU-Länder, darunter Frankreich, Spanien und Dänemark, planen, Plattformen wie TikTok und Instagram für Jugendliche unter 15 oder 16 Jahren zu sperren. SPD und CDU fordern, dass Deutschland nachzieht. Das queere Jugendnetzwerk Lambda e.V. hält ein solches Verbot jedoch für unsinnig – und gefährlich. Mit lambda space hat es eine eigene Plattform für queere Menschen zwischen 14 und 26 Jahren geschaffen. Ein Interiew mit dem bundesweit organisierten Jugendverein.
In Australien gilt ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Ähnliche Debatten gibt es in Deutschland. Wie bewertet ihr das aus eurer Arbeit mit queeren Jugendlichen?
Ein pauschales Social-Media-Verbot halten wir für den falschen Ansatz. Die Risiken auf Social Media entstehen nicht durch Jugendliche, sondern durch Entscheidungen von Erwachsenen: Plattform-Designs, die auf Profit abzielen, Algorithmen, die Nutzungsdauer maximieren, unzureichende Moderation von Hassrede, schlechte Datenschutz- und Jugendschutzkonzepte. Statt milliardenschwere Konzerne zu regulieren, schiebt man die Verantwortung auf Jugendliche und ihre Eltern ab.
Ein Social-Media-Verbot würde Jugendliche in weniger regulierte Räume drängen, etwa private Messenger-Gruppen oder unmoderierte Plattformen. Probleme wie Sucht, Hassrede und Diskriminierung existieren, doch sie erfordern wirksame Regulierung. Jugendschutz muss digitale Räume sicherer machen, nicht verschließen.
Jugendschutz muss digitale Räume sicherer machen, nicht verschließen.
Lambda e. V.
Welche Bedeutung haben digitale Räume für junge Menschen, die ungeoutet sind oder in einem queerfeindlichen Umfeld leben?
Für viele queere Jugendliche sind digitale Räume weit mehr als Unterhaltung. Sie bieten Austausch, Repräsentation und Selbstfindung. Queerfeindlichkeit erleben viele nicht nur „da draußen“, sondern im engsten Umfeld: Familie, Freundeskreis, Schule. Social Media wird oft zum ersten Kontakt mit anderen queeren Menschen, besonders für Jugendliche auf dem Land. Dort merken sie: Ich bin nicht allein. Es gibt Worte für das, was ich fühle, und ein Leben jenseits von Ablehnung und Scham.
Was würde ein Verbot für die Jugendlichen bedeuten, mit denen ihr arbeitet?
Im schlimmsten Fall verlieren queere Jugendliche den Zugang zu Repräsentation, Informationen, Vorbildern und Kontakten. Die Folgen könnten fatal sein.
Welche Alternativen oder Ergänzungen zum Verbot fordert ihr?
Plattformen müssen stärker in die Verantwortung genommen werden. Probleme entstehen durch Plattformdesigns, Geschäftsmodelle, Algorithmen und unzureichende Moderation. Junge Menschen und ihre Organisationen sollten in Gesetzgebungsprozesse einbezogen werden. Jugendschutz darf nicht über ihre Köpfe hinweg entschieden werden. Zudem braucht es Förderung für gemeinnützige, sichere Alternativen – digitale Räume, in denen sich queere Jugendliche selbstbestimmt vernetzen können.
Warum habt ihr mit lambdaspace.de einen eigenen digitalen Raum geschaffen? Was fehlt auf kommerziellen Plattformen?
Wir wollten einen Raum schaffen, der aus der Perspektive queerer Jugendlicher gedacht ist, nicht aus der von Konzernen. Kommerzielle Plattformen zielen auf Profit ab – das führt zu süchtig machenden Algorithmen, unzureichender Moderation, Werbung und Datensammlung. Mit lambda space setzen wir auf ein anderes Konzept: keine Werbung, keine manipulativen Algorithmen, dafür transparente Moderation, Vernetzung und Gemeinschaft.
Wie ist lambda space aufgebaut?
lambda space ist ein digitales Jugendzentrum, zugänglich über Browser und App. Es richtet sich an queere Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 26 Jahren, besonders an jene im ländlichen Raum oder ungeoutete Jugendliche. Die Plattform ergänzt analoge Angebote und dient als Brücke zu bestehenden Strukturen.
Es gibt verschiedene Bereiche: Jugendliche können Gruppenräume erstellen, etwa für Buchclubs oder Ace- und Aro-Gruppen. Über das Spotlight sehen sie, welche Gleichaltrigen aus ihrer Nähe ebenfalls auf der Plattform sind. Im Forum können sie anonym Fragen stellen. Zentral ist die Hilfe- und Beratungsseite mit professionellen Anlaufstellen.
Wie sorgt ihr für Sicherheit und Gemeinschaft auf der Plattform?
Ein wichtiger Baustein ist: Die Jugendlichen sollen selbst steuern können, wie sichtbar sie sind und mit wem sie interagieren. Sie können ihr Profil zum Beispiel privat stellen. Dann sehen es nur Freund*innen. Sie können auch festlegen, dass nur Freund*innen ihnen Nachrichten schicken oder ihre Beiträge kommentieren dürfen. Gerade für ungeoutete Jugendliche oder für junge Menschen, die ein ungewolltes Outing fürchten, ist diese Kontrolle über die eigene Sichtbarkeit sehr wichtig.
Dazu kommen klare Community-Richtlinien. Queerfeindlichkeit, Rassismus, Hassrede, Mobbing und jugendgefährdende Inhalte moderieren wir konsequent und proaktiv.
Unser Moderationsteam wird dafür gezielt geschult. Zur Schulung gehören technische Grundlagen der Plattform, unsere Moderationsprozesse und die Auslegung unserer Richtlinien. Es geht aber auch um Diskriminierungssensibilität, Mikroaggressionen und unbewusste Bias. Denn gerade in einem Raum für queere Jugendliche reicht es nicht, nur auf offensichtliche Regelverstöße zu achten. Moderation muss auch verstehen, wie Diskriminierung funktioniert, welche Erfahrungen unsere Zielgruppe macht und wie schnell schon scheinbar kleine Grenzüberschreitungen dazu führen können, dass Menschen sich nicht mehr sicher fühlen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist Transparenz. Wenn wir zum Beispiel einen Beitrag entfernen, erhält die betroffene Person automatisch eine Nachricht. Darin stehen die Begründung und die Erklärung, warum diese Moderationsentscheidung gefallen ist. Uns ist wichtig, dass Moderation nachvollziehbar ist. Gerade weil viele queere Menschen auf kommerziellen Plattformen erleben, dass Inhalte gelöscht, eingeschränkt oder unsichtbar gemacht werden, ohne dass klar ist, warum, wollen wir hier bewusst anders arbeiten.
Zusätzlich setzen wir eine Jugendschutz-KI ein. Sie läuft lokal auf unseren eigenen Servern und unterstützt unser Moderationsteam. Die KI prüft Inhalte in Echtzeit darauf, ob sie möglicherweise gegen unsere Richtlinien verstoßen. Entsprechende Hinweise leitet sie an das Moderationsteam weiter. Wichtig ist: Die KI speichert keine Daten. Sie gibt nur ein Signal, damit unser Team schneller hinschauen kann. Die Verantwortung bleibt bei der menschlichen Moderation.
Außerdem arbeiten wir mit einem gestuften Zugangssystem. Es gibt einen Schnupperzugang und einen Vollzugang. Der Schnupperzugang ist ohne Verifikation möglich, damit der Einstieg niedrigschwellig bleibt. Gleichzeitig sind dort bestimmte Funktionen eingeschränkt. Außerdem gelten zum Beispiel begrenzte Öffnungszeiten. Wer mehr Funktionen nutzen möchte, kann sich mit einer einfachen Selfie-Verifikation verifizieren.
Welche Herausforderungen hattet ihr beim Aufbau, technisch und inhaltlich?
Unsere größte Herausforderung ist die begrenzte finanzielle Ausstattung. Als gemeinnütziger Jugendverband arbeiten wir ohne Investor*innen, was längere Entwicklungsprozesse und Abhängigkeit von Spenden bedeutet.
Inhaltlich ringen wir mit der Balance zwischen Sicherheit und Niedrigschwelligkeit. Je mehr Verifikation wir verlangen, desto höher wird die Einstiegshürde. Die Jugendlichen, die lambda space besonders brauchen, erleben solche Prozesse oft auch als besonders hohe Hürde. Das gilt zum Beispiel für sehr junge Menschen, ungeoutete Jugendliche oder junge Queers, die noch keinen Anschluss an Community-Strukturen haben. Für sie kann schon der Schritt groß sein, sich auf einer queeren Plattform zu registrieren. Kommen dann noch Verifikationsprozesse hinzu, kann das abschrecken. Deshalb suchen wir hier sehr bewusst nach einer guten Balance. Deshalb setzen wir auf gestufte Zugänge und bleiben im Austausch mit den Jugendlichen.
Wichtig bleibt: Die schwersten Erfahrungen von Queerfeindlichkeit passieren oft im analogen Alltag. Digitale Gewalt setzt diese nur fort.
Lambda e.V.
Welche Formen digitaler Gewalt erleben queere Jugendliche besonders häufig?
Cybermobbing durch Klassenkamerad*innen, ungewolltes Outing und digitale Kontrolle durch Eltern sind häufige Themen. Manipulierte oder KI-generierte Bilder, die diffamieren oder sexualisieren, nehmen zu. Eltern, die Handys kontrollieren, zwingen Jugendliche oft, andere Geräte zu nutzen, um sich überhaupt Hilfe zu holen. Für Ungeoutete ist das besonders belastend, da schon das Sprechen über digitale Gewalt ein Outing riskieren kann.
Wichtig bleibt: Die schwersten Erfahrungen von Queerfeindlichkeit passieren oft im analogen Alltag. Digitale Gewalt setzt diese nur fort.
Wie bereitet ihr Jugendliche auf diese Risiken vor, ohne ihnen das Netz zu verleiden?
Unser Ansatz ist Empowerment, nicht Abschreckung. Für queere Jugendliche ist das Netz ein wichtiger Teil ihrer Realität. Ratschläge wie „Geh weniger online“ sind weltfremd. Wir bieten Workshops an, die an ihren Erfahrungen anknüpfen, etwa zu Hetze, Shitstorms oder sicherem Umgang mit Dating-Apps. Viele Jugendliche haben bereits Strategien entwickelt: blockieren, melden, dokumentieren. Diese Kompetenzen nehmen wir ernst und machen sie sichtbar.
Wenn Algorithmen gezielt darauf ausgelegt sind, Menschen abhängig zu machen, dann ist das kein individuelles Problem einzelner Jugendlicher, sondern ein strukturelles Problem, das politisch reguliert werden muss.
Lambda e.V.
Wo seht ihr die Verantwortung der Plattformen, wo die des Staates?
Die Plattformen tragen die Hauptverantwortung, sie entscheiden über Algorithmen, Moderationsstrukturen, Datenschutz, Meldewege und Geschäftsmodelle. Doch kommerzielle Anbieter werden aus Eigeninitiative kaum für ausreichenden Jugendschutz sorgen. Denn ihr oberstes Ziel ist nicht, möglichst sichere, diskriminierungsarme und gut moderierte Räume zu schaffen, sondern Geld zu verdienen.
Hier muss der Staat eingreifen: mit verbindlichen Vorgaben für Jugendschutz, Datenschutz und Moderation. Plattformen dürfen die Verantwortung nicht auf Nutzer*innen abwälzen. Wenn Algorithmen gezielt darauf ausgelegt sind, Menschen abhängig zu machen, dann ist das kein individuelles Problem einzelner Jugendlicher, sondern ein strukturelles Problem, das politisch reguliert werden muss.
Kurz gesagt: Plattformen müssen Verantwortung übernehmen, aber der Staat muss dafür sorgen, dass sie es auch tun. Denn wir glauben nicht, dass milliardenschwere Konzerne ihre Geschäftsmodelle freiwillig so verändern, dass Schutz, Menschenrechte und das Wohl junger Menschen über Profitinteressen gestellt werden.

